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Das Klarsprache-Konzept

 

Was ist Klarsprache?

Der Begriff „Klarsprache“ ist eine Übernahme und Adaption des englischen Begriffs „plain language“. Er ist das Kennwort für eine weltweite Bewegung, die die Verwendung von klarer, verständlicher Sprache und verständlichen Texten zum Ziel hat – insbesondere von Texten mit allgemeingesellschaftlicher Relevanz. Dazu gehören zweifelsohne alle Arten von Rechtstexten. Die Zugänglichkeit zum Recht und die Verständlichkeit der Texte der öffentlichen Verwaltung haben nicht nur eine zentrale demokratiepolitische Bedeutung, indem sie das Vertrauen in Demokratie und Rechtsstaatlichkeit massiv unterstützen, sondern bringen auch einen starken finanziellen Einsparungseffekt mit sich. So konnte etwa der norwegische Fonds für Bildungskredite durch die klarsprachliche Umgestaltung seiner Formulare, Mitteilungen und Bescheide innerhalb eines Jahres die Anzahl der Nachfragen von 1,5 Mio. auf 500.000 senken. Ähnliche Erfolge werden aus den USA oder den Niederlanden berichtet. In zahlreichen Ländern wie Australien, Dänemark, Korea, Neuseeland, Südafrika, Norwegen, Portugal, Schottland, Schweden und den USA existieren seit längerer Zeit verbindliche Vorgaben, die die Abfassung der Gesetze, der Rechtstexte im Allgemeinen und der Texte der öffentlichen Verwaltung in Klarsprache festlegen. Beispiele dafür finden sich auf den Internetseiten internationaler Vereinigungen wie Clarity International (Südafrika), The Plain Language Association International (Kanada/USA), Plain English Foundation (UK), Språkkonsulterna (Schweden) usw. Darüber hinaus existieren eine umfangreiche wissenschaftliche Literatur und zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen, die nachweisen, dass die Abfassung komplexer juristischer Inhalte in Klarsprache ohne Bedeutungsverlust möglich ist. Das gilt auch für die Umformulierung vorhandener, unnötig komplexer oder – wie im Falle des ABGB – veralteter Rechtstexte. Damit dies gelingt, sind verschiedene Arbeitsschritte der Textanalyse und Reformulierung nötig. Erste Grundsätze dazu werden bereits hier erklärt; ausführliche Erläuterungen sind unter www.klarsprache.at zu finden.

 

Wozu Klarsprache?

Texte, die in Klarsprache geschrieben sind, erfüllen idealerweise die folgenden allgemeinen Kriterien:1

  1. Die Texte sind für eine bestimmte Zielgruppe verfasst (dazu gehört auch die Summe aller Bürger eines Landes, für die die Gesetze gelten).
  2. Die Texte sind inhaltlich klar und unmissverständlich abgefasst.
  3. Die Leser können den Textinhalt schon beim erstmaligen Lesen verstehen.
  4. Die Leser werden nicht verwirrt und es gibt keine Fehlinterpretationen.
  5. Die Leser können, das, was sie gelesen haben, unmittelbar anwenden.

 

Ist Klarsprache mit Rechtstexten vereinbar?

Ja. Für die erfolgreiche Anwendung klarsprachlicher Prinzipien gibt es viele internationale Beispiele. Der Wunsch vieler Juristen, nichts zu übersehen und alles möglichst genau zu regeln, wird bei der Anwendung der Klarsprache dadurch erreicht, dass die einzelnen Regelungen auf Ihren Kern reduziert und die Einzelregelungen in einer logisch aufeinander aufbauenden Reihenfolge angeordnet werden. Durch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass die Abfassung komplexer juristischer Inhalte in Klarsprache ohne Bedeutungsverlust möglich ist. Das gilt auch für die Umformulierung vorhandener, unnötig komplexer oder – wie im Falle des ABGB – veralteter Rechtstexte.

 

Einige Grundsätze der Reformulierung des ABGB in Klarsprache

Vereinfachungen in terminologischer Hinsicht (worin durchaus ein gesetzestechnisches Prinzip gesehen werden kann2). Da ohnehin schon eine kaum mehr überblickbare Zahl von Rechtstermini herumschwirrt, sollte die Terminologie gerade heutzutage so einfach und so einheitlich wie möglich sein3.
Die konsistente Verwendung von ein und demselben Terminus für denselben Sachverhalt.
Die Einhaltung von einheitlichen Anordnungsprinzipien der Inhalte: Zentrale Aussage stehen möglichst gleich am Anfang jeder Norm; erst anschließend Ausnahmen/Abweichungen oder Differenzierungen.
Die Beschränkung der Länge der Paragrafen auf möglichst einen zentralen Inhalt.
Die Untergliederung der Paragrafen mit mehreren Sätzen durch nummerierte Absätze, die wiederum möglichst bloß eine Kernaussage enthalten.4
Die Auflösung komplexer Satzkonstruktionen in einfache Sätze, die in der Regel nicht länger als 15-20 Wörter sind.
Die Streichung von juristischen Leerformeln und unnötigen Präzisierungen (unbeschadet und unvorgreiflich etc.).
Die Verwendung von Formulierungen, die möglichst nahe an der aktuellen allgemeinen Alltagssprache sind, sofern damit hinreichende Präzision erreicht werden kann.
Bestimmungen mit Rechtsfolgen streichen, wenn sich die Rechtsfolgen ohnehin aus generelleren Regeln an anderer Stelle ergeben. Solche Bestimmungen sind ohne eigene normative Bedeutung. Das Gesetz ist auch ohne solche Wiederholungen umfangreich genug.
Die Neuordnung von Inhalten innerhalb eines Rechtsbereichs (z.B. Darlehensrecht) entsprechend dem Kriterium Allgemeines vor Speziellem und Grundlegendes vor Ausnahmen.
Kontext einer konkreten Bestimmung (im ABGB selbst, aber auch außerhalb des ABGB) beachten. Insoweit empfiehlt sich auch eine Vermehrung der im ABGB bis dato nur spärlich anzutreffenden internen und externen Verweise.
Erkannte Auslegungsprobleme, allenfalls auch Analogiefragen, für die heutzutage eine (nahezu) einhellige Lösung anerkannt ist, wenn möglich im Gesetzestext selbst klären; jedenfalls dann, wenn es nicht um seltene Ausnahmen geht und die Klarheit der Regelung keine Beeinträchtigung erfährt.
Extrem spezielle Regelungen, die sich heutzutage praktisch kaum einmal stellen und die in einer modernen Kodifikation – aller Voraussicht nach – keinen Platz gefunden hätten, ersatzlos streichen.

Literatur zum Thema Klarsprache und Recht (Auswahl)

Muhr, Rudolf (2012): Zur Bürgerfreundlichkeit und Verständlichkeit alltagsnaher österreichischer Rechtstexte, in: Moraldo, Sandro (Hrsg.): Sprachenpolitik und Rechtssprache. Frankfurt a. M. Peter Lang Verlag. S. 117-140; Muhr, Rudolf (2013): Strategien der Reformulierung von Rechtstexten und ihr Einsatz in der Ausbildung von Übersetzern und Dolmetschern, in: Blachut, Edyta et.al. (2013): Sprachwissenschaft im Fokus germanistischer Forschung und Lehre. Neisse Verlag. Wroclav-Dresden. S. 309-331; Kimble Joseph (2012): Writing for Dollars, Writing to Please: The Case for Plain Language in Business, Government, and Law,  Carolina Academic Press; Asprey, Michele (2010): Plain Language for Lawyers Federation Press, 4th edn, 2010; Mowat, Christine (2014): A Plain Language Handbook for Legal Writers. Carswell Thomson, 1998. 4th ed.; Clarity for Lawyers (2006); Adler Mark, Law Society, 2nd ed; Federal Plain Language Guidelines (2010): Plain Language Action and Information Network (PLAIN) (US).

 

1Eine umfassende Darstellung findet sich unter: http://www-oedt.kfunigraz.ac.at/klarsprache/index-Dateien/Page1776.htm sowie zu Ansätzen im angelsächsischen Raum unter: http://plainlanguagenetwork.org; http://www.clarity-international.net; http://centerforplainlanguage.org; http://www.clarity-international.net/plain-language-resources/general-resouces/; http://www.clarity-international.net/plain-language-resources/organizations/; http://www.clarity-international.net/drafting/
2„Einheit der Rechtssprache“ als ein wesentlicher Aspekt einer „Einheit der Rechtsordnung“.
3Aufgrund der Digitalisierung auch der Texte des ABGB sollte diese Aufgabe heutzutage technisch unterstützt („Thesaurus“) gut bewältigt werden können.
4Schema und Beispiel dazu unter http://www-oedt.kfunigraz.ac.at/klarsprache/index-Dateien/Page3029.htm.

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